ROBOWARS

Digitale Transformation. Internet der Dinge. Programme, die Programme schreiben. Roboter, die Roboter bauen. Menschenleere Fabrik- u. Logistikhallen. Smarte Häuser und Architektur vom 3D Printer. LKW, Bus und Bahn ohne Chauffeur. Büros ohne Personal. Krieg ohne Soldaten.

Die Liste ist lang – aber lange nicht komplett. Was die aufgezählten Themen verbindet: Das Internet … und dass es sich allesamt um durchschlagend-revolutionäre Automaten-Lösungen handelt. Die meisten Automatisierungs-Neuheiten gibt es schon. Prototypisch oder sogar als marktreife Lösung.  Weiteres kündigt sich unübersehbar an – am nur wenige Jahre entfernten Zeithorizont.

Sie sind schon da

Und es sind mehr als du denkst. Die Rede ist von Robotern. Freundlicher R2-D2 oder Terminator? Hilfe oder Bedrohung? Egal, was es ist, es steht schon vor der Tür – Robo ante portas.

Irre schnell drehende Innovationszyklen

Anders als anno dazumal bei der Einführung von Dampfmaschine, Eisenbahn, Fließband und Automobil drehen sich die Innovationszyklen heute unendlich schneller als früher. Im Sekunden- statt im gemütlichen Generationen-Takt – ein Tempo, dass nicht nur den Mann auf der Straße, sondern auch die Institutionen überfordert. Komplett. Am Ende könnte die 360° Automatisierung stehen.

Über Automatisierung und neue Formen der Arbeit wird, je nach Interesse und sozio-ökonomischer Verortung, unterschiedlich gesprochen

Klassenkampf von oben oder neue Chancen?

Naturgemäß hat z.B. eine Dienstleistungsgewerkschaft eine andere Sicht auf die Dinge als die Verlage, der Handel, die produzierende Industrie oder die Personalwirtschaft. Während sich die Arbeitnehmervertreter um die Aushöhlung sozialer Standards sorgen, schwärmt das Kapital von Effizienzhub und Kosteneinspareffekten.

HR & Start-up Szene: Gerangel um Leadership

Personaler versuchen sich mit Rasterdenken an der Entwicklung agiler Organisationen und rufen – selbst eher Meister der Schublade als des erweiterten Tellerrandes – nach noch flexibleren Mitarbeitern. Die sollen sich im Collaborative Workspace zur Verfügung halten und besser mit Volatilität und disruptiven Entwicklungen umzugehen lernen. Bleibt noch die Startup-Szene, die den schleppenden Ausbau von Highspeed Internet und Serverkapazitäten und – klar doch – zu viele legale Restriktionen moniert. Im auf neoliberal gebürsteten Silicon Valley ist sowieso alles besser … und sind wir nicht alle ein bisschen digitale Bohème?

Finanzwirtschaft: Hellsichtige Lageeinschätzung

Die einzige Branche, die die Arbeits- und Sozialdimension inklusive Grabentiefe an Verwerfung auf dem Schirm zu haben scheint, ist die Finanzbranche. Das überrascht insofern, als die Finanzbranche ja nicht gerade dafür bekannt ist, sich um gesellschaftliche Entwicklungen zu sorgen. In ihrer Eigenschaft als algorithmengetriebenes Wirtschaftsorakel ist die erzkapitalistische Börsenwelt aber ein zuverlässigerer und reellerer Berater als die egoistische Beratung aus Politik und sonstigen Interessengruppierungen mit manipulativer Intention und aus Partialinteressen resultierender Sicht.

Traderfox Aktien Magazin 05. Okt 2016

„Roboter sind die Zukunft! Ob Sie es wollen oder nicht, diese kleinen oder auch überdimensional großen, völlig automatisierten Helfer werden kommen und Ihnen immer mehr lästige, schwere und selbstverständlich gefährliche Aufgaben abnehmen, da sie diese viel schneller, präziser und ohne zu jammern erfüllen werden.

Schon bald werden die Roboter für Sie putzen, kochen, Müll entsorgen, Sie zur Arbeit fahren, schwere Lasten transportieren, aber auch hoch-präzise Operationen und lebensrettende Maßnahmen durchführen können.

Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, weil sie der nächste logische Schritt in der menschlichen Entwicklung ist und im globalen Kontext eine positive Wirkung auf unsere Weltwirtschaft haben wird.

Die Experten der Weltbank kamen in dieser Hinsicht zu dem Schluss, dass robotisierte und automatisierte Lösungen, die zur Verkürzung und somit höheren Effizienz und Effektivität von Logistikketten führen, in ihrer Gesamtheit einen größeren Einfluss auf die Steigerung des BIPs haben als das völlige Verschwinden aller Zollbeschränkungen.“ …

Guido Grand, Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG:

„Durch die fortschreitende Digitalisierung der Produktionsabläufe sind schon heute Millionen Jobs gefährdert, wie das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW oder die ING-Diba in voneinander unabhängigen Studien ermittelt haben. Die Firmen müssen sich sputen, denn im Kampf um die Hoheit im Internet der Dinge kann nur bestehen, wer die Herrschaft über die Daten besitzt.

Konkret heißt das: Die Firmen müssen mit ihren Produkten in Kontakt bleiben, sie müssen erfahren, wenn bei einer Waschmaschine Verschleißerscheinungen im Lager auftreten – auch nach der Garantiezeit, und ohne dass der Kunde sich beschwert. Nur so können sie wertvolle Erkenntnisse für die Produktentwicklung gewinnen.

Was aber ist wichtiger: die Industrie-Kompetenz der Deutschen, die Software-Expertise der Amerikaner oder der exzessive Einsatz von Robotern wie in China?

Noch, glauben Experten, hängt der Erfolg entscheidend von der Qualifikation der Arbeitnehmer ab. „Wir brauchen mehr Mitarbeiter mit Zugang zur Welt der Algorithmen“, sagt etwa Volker Deville, Leiter Zukunftsthemen beim Münchner Versicherer Allianz. Denn: „Der große Sprung der technischen Entwicklungen liegt noch vor uns.“

Altersvorsorge meets Hartz IV

Ein naheliegendes Thema kommt dabei, wenn überhaupt, nur ziemlich unterbeleuchtet daher. Ein Thema, das eigentlich alle in diesem Lande lebenden Menschen angeht und das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in seinen Grundfesten erschüttern kann: Die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme.

Robotisierung: Windhauch oder Tsunami?

Denn was in Form von Robotisierung auf uns zukommt, ist kein laues Lüftchen, unter dem man sich flexibel wegbeugen und dann wieder aufrichten kann. Es ist ein Tsunami. Ein Sturm und eine wolkenkratzerhohe, unglaublich mächtige Welle, die mit Gewalt alles mitreißt, was auf ihrem Weg liegt.

 Stereotypen statt Konzepte

Selbst die Gewerkschaften scheinen die Dramatik der Situation noch nicht komplett auf dem Schirm zu haben.

Die Arbeitnehmervertreter reflektieren Arbeit 4.0 immer noch mit dem semantischen Repertoire von guter Arbeit und Festanstellung versus Zeitarbeit und Arbeitsvertrag.

Nach Auffassung der Gewerkschaft versteht sich soziale Sicherheit als das Dach, unter dem sich alle Arbeitnehmer- und Freiberufler- Forderungen bündeln lassen. Gemeint ist damit die Ausdehnung des sozialen Schirms auf geringverdienende Einzelunternehmer, Zeitarbeiter und sonstiges Prekariat.

Zielsetzung ist eine auskömmliche Altersversorgung oberhalb der Grundsicherung. Darum haben die Arbeitnehmervertreter auch der landauf-landab praktizierten Aufstockungs-Lüge, Jobcenter-Geld bei nicht existenzsichernder Erwerbstätigkeit, den Kampf angesagt. Die Schattenseite der Aufstock-Praxis: Sie befördert die Menschen viel zu oft in schlecht bezahlte, prekäre Arbeitsverträge und Minjobs. Deren Existenz schönt zwar die Beschäftigungszahlen, belastet aber als versteckte Arbeitgebersubvention die Allgemeinheit zugunsten ausbeuterischer Geschäftsmodelle.

Unzureichende Risikoerkennung

Dabei gerät aus dem Blick, dass ein durch die Kombinationsbelastung aus demografischer Entwicklung und Automatisierung in der Substanz geschädigtes soziales Netz nicht gedehnt werden kann. Jedenfalls nicht, ohne dass seine morschen Maschen reißen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Substanzverlust schleichend stattfindet und die Systeme der sozialen Sicherung, allen voran die Rente, langsam aber sicher auf den Kollaps zusteuern. Schleichend und deswegen besonders tückisch. Tückischer als es ein abruptes Ereignis, ein gravierender Einschnitt wäre.

Weil die Erosion der Sozialsysteme schleichend geschieht, wird ihr einfach tatenlos zugesehen, statt darauf per Intervention zu reagieren.

Jeder hat schon einmal diese Geschichte gehört: Ein gefangenes Krebstier bleibt im langsam erhitzten Wasser ruhig auf dem Boden des Kochtopfes sitzen … bis irgendwann der Siedepunkt erreicht ist, womit sich der Gedanke an Ausweg oder Flucht erledigt hat.

Lehrer im Bildungsstreik

Hurra, die Schule brennt: Deutschlands Lehrer machen blau statt  Kids auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten.

Schule 2016 entpuppt sich beim näheren Hinsehen als bildungsfernes Milieu. Das ist kasernierter Lehrbetrieb mit veralteten, oft schlecht recherchierten Inhalten und nicht weniger veralteten Lehrmethoden – Subventionsbetrieb für lernunwillige Pauker und Schulbuchverlage der Gutenberg-Ära. Pauken alter Schule statt interaktiv unterstützter Wissenserwerb und Anleitung zur ethisch und sozial verträglichen, kreativen Wissensanwendung. Wenn Schule auf die in Zukunft real existierende Arbeits- und Lebenswelt vorbereiten soll, so ist die Schule, die wir heute haben, dazu ungeeignet. Armes Deutschland.

Der Fisch stinkt vom Kopf her

Lehrerchef Kraus erklärt stellvertretend für den ca. 160.000 Köpfe starken Lehrerverband im Oktober erklärt:

„Die Euphorie ums Digitale kann ich nicht nachvollziehen“ und er hätte sich statt Wlan in deutschen Klassenzimmern „eher eine Initiative für Schulbibliotheken gewünscht“

Das muss nachdenklich machen. Dummheit der Stroh-Klasse oder abgebrühter Cynismus? Wie soll ein personell derartig suboptimal ausgestatteter Schulbetrieb deutsche Kids auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten? Kraus, setzen! – Sechs.

Sankt Florians Prinzip

Trauriger Fakt: Unsere Eliten ignorieren die Entwicklungen lieber, statt sich ihnen zu stellen. Frei nach dem Sankt-Florians-Prinzip „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an“ hoffen und glauben sie, dass es sie nicht treffen wird. Letzteres wird sich für viele Menschen im Lande und auch solche mit Privilegien, wahrscheinlich anders bewahrheiten. Natürlich werden die Negativfolgen zunehmender Automatisierung zu allererst die Bevölkerungsgruppen treffen, die sich auch schon heute Gedanken machen müssen, wie sie über Monat für Monat über die Runden kommen sollen.

Die Mitte bröselt weg

Es geht nicht um die, die sich bereits am Rand der Gesellschaft befinden. Es geht um das rasante Hinwegraffen einer gefühlten Mitte und einen immer breiteren Rand.
Aber was tun?

Drohszenario: Armut für alle

Längere Lebensarbeitszeit oder Beitragserhöhungen der Rentenversicherung sind vor dem Hintergrund der Automatisierung als Konzeptansätze komplett ungeeingnet. Nicht mehr als dummes Gerede. So etwas sollte auch keiner im Lande den Menschen länger vorschlagen.

Statt auszublenden sollten die maßgeblichen Akteure aus Politik, Institutionen und Verbänden den Menschen im Lande lieber reinen Wein einschenken und zugeben, dass das alles von Grund auf neu und mutig nach vorne gedacht und beschlossen werden muss.

Auch ein Herr Schäuble mit schwarzer Null am Hut und der unausrottbaren Beharrlichkeit, andere Prioritäten auszublenden, wirkt in diesem Szenario seltsam verloren und wie bestellt und nicht abgeholt.

Herausforderungen annehmen

Eine Gesellschaft, ein politisches System, das sich den Herausforderungen der Automatisierung nicht mit ausreichender Ernsthaftigkeit stellt, wird, demokratisch hin, demokratisch her, an sich selbst scheitern. Massive Anzeichen sozialer Schieflage manifestieren sich derzeit bereits im zusätzlich von Versäumnissen der Bildungspolitik befeuertem Wut- und Sorgenbürgertum. Wer will, mag das als Vorgeschmack bewerten.

Der Zug rollt

Für die Vehemenz und Durchschlagkraft der Automatisierung steht die hinreichende Tatsache ihrer Machbarkeit. Kapitalentfaltung versteht sich als gesellschaftlich erwünscht und es gibt keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass die auf Effizienz eingenordete deutsche Wirtschaft sich Effizienzpotenziale entgehen ließe. Darüber hinaus sind gewichtige internationale Treiber wirksam. Die Chinesen begeistern sich für das ursprünglich deutsche Konzept von Industrie 4.0 und wollen es im ganz großen Maßstab forcieren.

China forciert den Wandel

Darum wird nicht zuletzt China beim Tempo der Robotisierung ein Wörtchen mitzureden haben.

Zum Einstieg hat das Reich der Mitte schon einmal den Industrie-Robotik-Experten Kuka gekauft – einen Mittelständler mit herausragender Expertise für vollautomatisierte industrielle Fertigung.

Es wird zwar immer wieder mal nach Maschinensteuer und Transaktions-Abgabe auf Kapitalgewinne gerufen. Diese beiden Forderungen greifen aber nur für ein begrenztes Spektrum der durch Automatisierung bedrohten Arbeitsverhältnisse vor allem im Industrie- und Bankensektor. Der große Rest der bereits heute oder zukünftig betroffenen Jobs rutscht durch die noch nicht geknüpften Maschen.

Auslaufmodell Vollbeschäftigung

Was wird mit der Arbeit? Wie werden Menschen zusammenarbeiten und die nicht durch Roboter enteignete Arbeit organisieren? Werden sie selbst organisieren oder werden sie durch Roboter organisiert werden? Inwieweit eignen sich Arbeit und die „Such dir einen Job“-Idee zukünftig überhaupt noch als Existenzsicherungs-Konzept? Wie sollen die bestehenden sozialen Sicherungssysteme den Herausforderungen und gesellschaftlichen Verwerfungen standhalten? Brauchen wir am Ende nicht doch das Bedingungslose Grundeinkommen oder irgendetwas anderes, das sicherstellt, dass der Mensch am Ende nicht entmündigt, enteignet, entrechtet … vielleicht sogar ausgerottet wird?

Hoffnungslos veraltet

Ist das komplizierte und extrem personalintensive Konvolut aus Rentenanstalt, Arbeitsagentur, Jobcenter, Sozialamt und Co. nicht komplett anachronistisch und zunehmend ungeeignet, soziale Gerechtigkeit und volkswirtschaftlich sinnhafte Ergebnisse zu produzieren? Bereits heute mutet es einigermaßen anachronistisch an, wenn Geringverdiener halbjährlich für die Aufstockung abrechnen und beantragen müssen oder wenn nicht vollumfänglich unterhaltsfähige Eltern von Familienrichtern mit fiktiven Luft-Einkommen aus nicht existierenden Jobs in die Verschuldung getrieben werden.

Handlungszwang

Unsausweichlich: Diese Schieflagen-Situationen werden an Häufigkeit zunehmen und sich weiter zuspitzen. Und es wird nicht so sein, dass für jeden verloren gegangenen Job ein neuer entsteht, der dann durch den Job-Looser ausgeübt werden kann. Kurz: Da kommt etwas auf uns zu.

uns zu.