ETHNOMEDIZIN – WEM GEHÖRT SIE?

Jeder kennt die Sorte lästigen Spam, der wirre Geschichten über das Ableben eines in Südamerika oder Afrika zu Geld gekommenen Erblassers zusammenflunkert!

Bluff der ganz alten Schule

Wer bei dem abgedroschenem Cyber-Unfug auch nur ansatzweise die Möglichkeit in Betracht zieht, dass es sich um etwas anderes als um einen Betrugsversuch handeln könne, dürfte auf einem nassen Aufnehmer geschlafen haben.

Attraktiver Beschaffungsmarktethnomediziniische rezepturen auf dem einkaufszettel der biopiraten bild carabito matthias hoelkeskamp

Im Gegensatz zur abgenudelten Onkel-Story der Cyber-Kriminellen sind die Angriffe falscher Erben auf die ethnomedizinische Schatztruhe des subsaharischen Afrikas harte Realität.

Auf dem nicht per Patentregelung eingezäunten, ethnomedizinischen Feld betrachten sich westliche Pharmazunft und -forschung als erbberechtigte, quasi letzte Hinterbliebene, um die über viele Generationen innerhalb der Gemeinschaften tradierten Heiler-Rezepturen, das ethnomedizinische Erbe Afrkas, in lukrative Geschäftsmodelle umzumünzen.

Naheliegenderweise sind die industriellen Pharmakologen daran interessiert, das ursprüngliche Rezept per chemischer Analyse in molekulare Bausteine zu konvertieren und das Surrogat zum Patent zu machen.

Die Anstifter-Rolle renommierter Pharma-Akteure beim ethnomedizinischen Repept-Klau stellt  zwar nur eine Hypothese dar … weil sie wahrscheinlich ist, sollte man aber wenigstens einmal daran denken.

Erbschleicher im Ethnolook

Die Unternehmen agieren strategisch und nutzen möglicherweise den akademischen Nord-Süd-Dialog, um die nachwachsenden Forschergenerationen südlicher Entwicklungsländer auf die ethonmedizinische Spur zu setzen. Auch das ist eine Hypothese. Besagte Konzerne könnten sich von der Überlegung leiten lassen, dass junge afrikanische oder asiatische Pharma- und Biologie-Experten mit ethnischem Zugehörigkeitsvorsprung leichter an das ethnomedizinische Familiensilber ihrer Gemeinschaften herankommen. Bleichgesichter tun sich da deutlich schwerer. Außerdem verfügen sie nicht über die notwendigen kulturellen Insghts, welcher  Anreize es bedarf,  um die Informationen am günstigsten zu beschaffen.

Ethnomedizinischer Datenklau

Während wir uns in Europa mit einer neuen Datenschutz-Grundverodnung für eine Stärkung des individuellen Datenschutzes einsetzen, suchen wir in Afrika, Asien und Lateinamerika gezielt nach Schwachstellen und Einstichmöglichkeiten, um medizinisch-relevante, im per mündlicher Überlieferung gepflegten Datenspeicher der Gemeinschaften aufbewahrte Wissensbestände abzusaugen und für eigene Geschäftsmodelle zu nutzen. Würde das Gleiche bei Bayer, Boehringer oder Schwabe geschehen, wäre von Industriespionage die Rede.

Ethnomedizinischer Workshop

Diese Dinge, respektive Hypothesen, gingen mir durch den Kopf, als ich, nachdem ich auf Einladung der privaten Universität IRGIB Africa im Februar an einem durch die Volkswagenstiftung geförderten ethnomedizinischen Workshop teilgenommen hatte, vertiefende Hintergrundrecherchen durchführte. Die Workshop-Veranstalter selbst hatten das Thema Biopiracy als Programmpunkt auf die Seminar-Agenda gesetzt.

Einfach nur Ideen

Zugegebenerweise handelt es sich bei der oben dargestellten Einschätzung nur um eine hypothetische Idee und nicht um eine lückenlos bewiesene Tatsachenwiedergabe. Es geht also um den Unterschied von Verschwörungstherorie und Verschwörung. Aber wie heißt es noch? Ideen schaffen Wirklichkeit!

UN-Resolution & Nagoya Protokoll

In Fachkreisen ist bekannt, dass es die UN-Resolution zur Biodiversität und das auf eine angemessene Beteiligung indigener Gemeinschaften an mit ihrem Medizinalwissen erwirtschafteten Gewinnen abzielende Nagoya-Protokoll gibt. Allerdings dürften sich diese vergleichsweise dehnbaren Regelwerke  für vorteilnehmende Akteure in vieler Hinsicht als durchlässig erweisen, wenn sie mit Unterstützung bezahlter Experten Schlupflöcher suchen und nutzen.

Gerechtigkeit statt Almosen

Man wird auch die Frage stellen dürfen, welche Form und Höhe von Ausgleich für die mit ethnomedizinschem Wissen erzielten Unternehmenserträge angemessen sein soll – ein paar an die Dorfbevölkerung verteilte Schulmöbel, Ranzen, Bleistifte oder auch Ausbildungsstipendien jedenfalls sind unangemessen. Was wäre fair? Diese Frage ist bislang – so zumindest mein Kenntnistand – nicht ausreichend ausgeleuchtet und beantwortet.

Biopiraterie – in  Deutschland zumindest ein Thema

Erfreulicherweise ist das Thema „Biopiraterie“ in Deutschland zumindest in der Öffentlichleit angekommen. In Frankreich hingegen besitzt Biopiraterie keine mediale Bedeutung, sie findet quasi nicht statt. Unsere westlichen EU Nachbarn halten es anscheinend für völlig legitim, sich nonchalant aus den Ressourcen ihrer Ex-Kolonien zu bedienen.

Risiko-Szenario

Was könnte die Ethnomedizin Westafrikas gefährden? Auf der einen Seite ist es die Aneignung der Rezepturen und Verfahren durch auf Profitmaximierung und Konkurrenzausschluss ausgerichtete westliche Unternehmen. Auf der anderen Seite ist es die Allocation der vormals für die breite Bevölkerung Afrikas verfügbaren Heilpflanzen in finanzstärkeren, westlichen Märkten. Dadurch sind diese Pflanzen für die westafrikanische Bevölkerung nicht mehr erschwinglich, oder sie stehen nicht mehr zur Verfügung.Hinzu kommt die Bedrohung der genetischen Ressourcen durch intensive Wildsammlung.

Fairness-Gebot

Abgesehen davon wäre es fair, wenn die wirtschaftlichen Potenziale der westafrikanischen Ethnomedizin insbesondere dort zur Entfaltung kämen, wo die Assets ihrem Ursprung nach auch verortet sind: In Westafrika. Das würde bedeuten, dass wesentliche Teile der für internationale Märkte vorgesehenen Wertschöpfung auf afrikanischem Boden und nicht in Europa oder den USA stattfinden sollten. Wer sich diesem Gedanken nicht anschließen mag, sollte sich dann auch nicht wundern, dass die Fluchtursachen für ungeregelte Migration nicht ab-, sondern der demografischen Entwicklung Afrikas geschuldet möglicherweise noch zunehmen werden.

 

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